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Neun Tage Knast für Fahren ohne Fahrerlaubnis

Verantwortlicher Autor: Ekkehard Boldt Frankfurt Main, 21.10.2017, 13:18 Uhr
Presse-Ressort von: medien-Boldt Bericht 6897x gelesen
Manal al Sharif Buchmesse 2017 Frankfurt
Manal al Sharif Buchmesse 2017 Frankfurt  Bild: Ekkehard Boldt

Frankfurt Main [ENA] Saudi-Arabien war das letzte Land, das Frauen noch das Autofahren verboten hat. Ein Gesetz gab es nicht, nicht einmal eine religiöse Begründung. Es war und ist eine Frage der Macht in einer Gesellschaft, in der Frauen weitgehend rechtlos sind. Es war nicht mehr als ein Gewohnheitsrecht, ...

...das Männer für sich reklamierten. Manal al-Sharif hat sie herausgefordert: Die Computerexpertin war es leid, ihren Bruder zu fragen, wann sie in ihrem eigenen Wagen zu einem Geschäftstermin gefahren werden kann. Sie setzte sich selbst ans Steuer, ließ sich dabei filmen und stellte dieses Dokument des zivilen Ungehorsams ins Internet. Neun Tage saß sie dafür im Gefängnis. Und es wären wahrscheinlich viele mehr gewesen, wenn nicht ein weltweiter Proteststurm sie befreit hätte.

Befragt zur aktuellen Situation: „Ich war immer optimistisch und habe gewusst, dass am Ende des Tunnels irgendwo ein Licht sein muss. Aber nun, da das Fahrverbot nach 27 Jahren wirklich überwunden ist, sehe ich es zum ersten Mal auch mit eigenen Augen.“ Wie geht es weiter? „Das ist für alle Männer des Landes eine klare Botschaft. Aber zu weiblicher Selbstständigkeit und Freiheit gehört noch viel mehr. Als nächstes gilt es, die männliche Vormundschaft über Frauen komplett abzuschaffen, denn sie ist die Quelle alles Bösen bei uns.“

Losfahren erzählt aus erster Hand von diesem Aufstand im Auto, mit dem Manal al-Sharif eine Frauenbewegung in Gang setzte, die den Gralshütern des Patriarchats im Königreich immer mehr zu schaffen macht. Aber Losfahren ist viel mehr als das. Selten gab ein Buch so tiefe Einblicke in den streng geregelten Alltag einer saudischen Familie. Offen und eindringlich schildert Manal al-Sharif ihre Kindheit und Jugend, in der sie auf dem Weg war, eine vom Salafismus beeinflusste radikale Muslima zu werden, die das Elternhaus von »unreiner« Musik säuberte und sogar Aufnahmen ihres Bruders im Ofen einschmolz.

Die Helden dieser Generation waren die islamistischen Extremisten, die Vorläufer des heutigen Terrors, die den nach ihrem Verständnis zu liberalen Staat auf ihre Weise herausforderten. Am eigenen Leib erlebt Manal al-Sharif die Widersprüchlichkeit des in zwei Generationen zu immensem Reichtum gelangten Landes. Trotz bester Schulnoten wird sie zu Hause immer wieder verprügelt, um ihren Platz an der Uni, wo sie getrennt von männlichen Kommilitonen unterrichtet wird, muss sie kämpfen, und als sie bei der Ölfirma Aramco gemeinsam mit Männern in einem Büro arbeitet, wird sie als Flittchen beschimpft.

Den Ausschlag für ihre endgültige Abwendung vom Salafissmus gaben aber die Anschläge des 9. September 2001, die fast ausschließlich von saudischen Männern verübt wurden. Heute gilt Manal al-Sharif als eine der wichtigsten Vorkämpferinnen für Frauenrechte in der islamischen Welt. Ihre aufregende Lebensgeschichte ist beides, ein Dokument der Unterdrückung und der Befreiung.

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